Page 6 - prima! April
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REdE & ANTWORT  MEDIEN IM UMBRUCH



                                         Walter Reiss war selbst 40 Jahre lang beim ORF Burgenland als Re-
                                         dakteur, Chef vom Dienst und Regisseur in Radio und Fernsehen
                                         tätig. Er weiß genau, wie die größte Medienorgel des Landes funk-
                                         tioniert. Aus aktuellem Anlass hat er den ehemaligen ORF-General
                                         Teddy Podgorski zum Interview gebeten. Die Medienlandschaft ist im
             Rede & Antwort              Umbruch und mit ihr auch der ORF. Ob diesem unter der neuen Bun-
             Persönlichkeiten im Gespräch   desregierung der größte Wandel seiner Zeit bevorsteht, ist noch un-
             mit Walter Reiss
                                         gewiss. Zwei Medienprofis im Gespräch:
             „Wir dürfen alles werden,





             nur nicht provinziell“








               Sendungen wie „Burgen-    das ein Wagnis. Und neu in   rungsrecht möglich, dass der   Sehen Sie Chancen, dass
             land Heute“ oder „Steiermark   Europa. Mein Ziel war, neun   Landeshauptmann den Lan-  dieses eigenartige „Recht“ auf
             Heute“ haben unter Ihrer    qualitätvolle Informationssen-  desintendanten – heute heißt   Zugriff verschwindet?
             Führung begonnen. Kritiker   dungen mit hohem Live-An-   er Landesdirektor - bestimmt.   Teddy Podgorski: Das kriegt
             meinten damals, der ORF     teil zu machen. Informationen   Ein Generaldirektor, der ei-  man nicht weg. Da sehe ich in
             begebe sich nun in die „Niede-  gibt es ja im lokalen Lebens-  nem Landeshauptmann nicht   der österreichischen Realver-
             rungen der Provinz“…        raum genug: Politik, Wirt-   folgt, verringert seine Chan-  fassung und Parteienlandschaft
             Teddy Podgorski: Bundes-    schaft, Chronik, Kultur, usw.   cen, wiedergewählt zu werden.   keine Chance.
             länderzeitungen und Regio-  Wichtig ist, dass das von    Da ich damals gewusst hab,
             nalblätter waren damals schon   guten Journalisten aufbereitet   dass ich ohnehin nur vier Jah-  Schauen Sie viel fern? Und
             selbstverständlich. Die Zu-  wird. Ich wollte schon damals   re ORF-Chef bin, ist es mir   wie geht es Ihnen dabei?
             schauer haben das Recht, auch   keine mittelmäßige Unterhal-  zumindest in Tirol und der   Teddy Podgorski: Ich sehe oft
             im Fernsehen Neues aus ihrer   tung in diesen Sendungen, wie   Steiermark gelungen, gegen   fern und gebe zu: Ich werde
             Region, ihrem Bundesland    etwa Versuche für regionales   die Personalwünsche der Lan-  anspruchsvoller. Es herrscht
             zu erfahren. Als es technisch   TV-Kabarett oder sonstige   deshauptleute zu entscheiden.   Massenproduktion. Ich weiß
             möglich wurde, neun Lokal-  Selbstverwirklichungen von   Mehr war da nicht drinnen.   schon, dass wegen des großen
             programme gleichzeitig zu   Redakteuren. Aus der fast hal-                           Aufwands an Marketing und
             senden, haben wir das dann   ben Stunde sind ja mittlerwei-  Hat sich am politischen   der vielen Sendezeit nicht alles
             auch gemacht. Sich damit    le bedauerlicherweise etwa 20   Zugriff auf den ORF etwas   von brillanter Qualität sein
             gegen steigende Konkurrenz   Minuten geworden, manchmal   geändert?                  kann. Für wirklich gute Fern-
             durch immer mehr andere     gar nur eine Viertelstunde.   Teddy Podgorski: Nein. Das   sehproduktionen war früher
             Sender zu behaupten, ist bis                             ist ja die Sauerei. Es stimmt   mehr Zeit. Jetzt muss alles
             heute gelungen.             Die täglichen Bundeslän-     schon, dass auf Bundesebene   g’schwind und billig gehen, das
                                         dersendungen des ORF sind    der Stiftungsrat jeweils der   redaktionelle und technische
             Ich erinnere mich noch an   mit täglich insgesamt einer   Spiegel der Kräfteverhältnis-  Personal ist oft billiges Leih-
             abfällige Bemerkungen von   Million Zusehern ein – von   se der Innenpolitik und der   personal, die Qualität ist run-
             Wiener Kollegen, die nicht   Ihnen erfundener – stabi-   Regierung ist und dass das   tergefahren. Ich merke, dass im
             glauben wollten, worüber    ler Quotenhit. Und diese     Auswirkungen auf die Wahl   Fernsehen nichts mehr wirklich
             man täglich fast eine halbe   Erfolgssendung wird oft kri-  des ORF-Chefs hat. Aber für   neu ist, nichts erfunden wird.
             Stunde lang aus dem Bur-    tisiert als Fernsehbühne für   die Bundesländer ist diese   Innovationen sehe ich da keine
             genland berichten sollte. War   politische Landeshäuptlinge.  Einflussmöglichkeit noch   mehr, die passieren im digita-
             das Ganze nicht ein riskantes   Teddy Podgorski: Das stimmt   dazu im ORF-Gesetz festge-  len Bereich. Fernsehen wird
             Unterfangen?                ja auch. Das Rundfunkgesetz   schrieben. Das ist fast schon   es ewig geben, aber es ist ein
             Teddy Podgorski: Klar war   macht es durch ein Anhö-     peinlich.                   Sekundärmedium geworden.

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